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Unwissen und Wissen


P0001080 Als Kind oder Jugendlicher macht man sich keine Gedanken über das Produkt Comic. Man liest und genießt die Geschichten, die einem gefallen. Was nicht gefällt, läßt man einfach weg. Mehr über das Medium Comic weiß man eben nicht.

So wie ich damals mit meinen ersten drei Serien begann und danach viele weitere dazukamen, war nur eins wichtig, sie mußten mir qualitativ gefallen. Die bereits erwähnte Ähnlichkeit meiner Lieblingsserien fiel mir früh auf, ebenso, welche Storys von eine und dem selben Zeichner stammten. Mehr wußte ich aber nicht, woher auch.

Mein Wiedereintauchen in die Comicwelt erfolgte viele Jahre später und eröffnete mir neue Möglichkeiten, Kontakt und Informationsaustausch mit versierten Sammlern, Verlegern und Zeichnern zu finden. Schließlich gab es mittlerweile Hintergrundliteratur zum Comic, die viel Wissenswertes preisgab und viele offene Fragen beantwortete. Und plötzlich sah die Comicwelt ganz anders aus.

Plötzlich bekamen die Zeichner ruhmreiche Namen, man erfuhr wo sie herkamen, wie alt sie waren, was sie alles geschaffen hatten und es gab sogar Möglichkeiten, den einen oder anderen bei einer Veranstaltung zu treffen und einige Worte mit ihm zu wechseln. Fast alle meiner damals bevorzugten Comic-Serien, das konnte ich nun erfahren, stammten von einem einzigen Künstler, Hans-Rudi Wäscher, ein wahrer Meister der Zeichnung und Erzählkunst. Ich sollte später auch das Glück haben, Herrn Wäscher einige Male zu begegnen.


Hans-Rudi Wäscher war der erfolgreichste Zeichner des Walter-Lehning-Verlags und maßgeblich an dem großen Erfolg des Verlags verantwortlich. In den 15 Jahren seiner Mitarbeit zeichnete Herr Wäscher viele kurz- und langlebige Serien, sowie Titelbilder für Fremdserien. Sein Schaffensumfang aus heutiger Sicht ist immens, unter Umständen führt er sogar den Welt-Rekord.

Wahrscheinlich ist es sogar den Kunstwerken Herrn Wäschers zu verdanken, daß sich eine Sammlerszene in Deutschland bilden konnte und der Comic seine Erfolge seit den frühen 80ern zu verzeichnen hatte.

Da H.R. Wäscher im Lehning-Verlag auch Titelbilder für viele Fremdserien zeichnete, war man versucht, auch diese Serien zu lesen. Das Ergebnis war aber meist enttäuschend. So z.B. die Serie "Silberpfeil", die ich im Anfangsbericht (Abenteuer Comic) bereits erwähnte. Die Comic-Story stammte von einem italienischen Zeichner, und war in Erzähl- und Zeichen- Stil entsprechend anders als man es von H.R. Wäscher gewohnt war.

Heute sehe ich dies allerdings ganz anders. Auch "Silberpfeil", und andere Comics haben ihren eigenen, besonderen Reiz.


P1060232 In meiner Jugendzeit hatte ich wenig Möglichkeiten, alle deutschen Produktionen kennenzulernen. Erst in späteren Jahren war mir dies möglich.

Die namhaften deutschen Comiczeichner der frühen Jahre kann man wahrscheinlich an zwei Händen abzählen, womöglich sogar an einer.

Einige der wirklich guten Comics, die ich erst spät kennenlernte, war "Robinson". Andere hießen "Die drei Musketiere", "Peter´s seltsame Reisen" oder "Winnetou".

Der Schöpfer dieser Geschichten hieß Helmut Nickel. Ebenso wie über seine Werke erfuhr ich seinen Namen erst in den späten Achtzigern. Ein Meister der Zeichnung und der Erzählkunst.

Erst 2011 hatte ich das Glück den Meister persönlich kennenzulernen, er signierte- in hohem Alter- seine Werke während des Münchner Comic- Festivals.



Ein weiterer Comic-Zeichner- † Willi Kohlhoff- lieferte die Titelbilder für etliche Silberpeil- Piccolos. Er war aber auch an den oben beschriebenen "Robinson"- Comics, und weiteren Serien beteiligt.

Es gab einige Namen in der deutschen Comic-Szene, die Erstklassiges schufen.



† Klaus Dill ist ein Name, den man aus den deutschen Comics der 60er nicht wegdenken kann. Obwohl er keinen Comic gezeichnet hat, kreierte er eine ganze Menge erstklassiger Titelbilder, z.B. für Bessy.


Man muß an dieser Stelle unbedingt auf Rolf Kauka hinweisen, den Schöpfer der Fix und Foxi, der seine Comics allerdings nur anfans selbst zeichnete. Später widmete er sich nur noch seiner verlegerischen Tätigkeit und engagierte eine ganze Reihe von Zeichnern, die seine Serien in bekannter Form darstellten.

Der Neubeginn


"Kannst Du Dich noch an unsere Comic-Hefte aus der Schulzeit erinnern?". fragte mein Freund, "ich habe einige auf dem Flohmarkt günstig angekauft. Und hier in Frankfurt gibt es sogar einen Comic-Laden". Wir begutachteten seine Ausbeute, und der Funke begann wieder zu glimmen. Schließlich zeigte er mir auch noch einige Bücher, die Nachdrucke der Nick-Großbände enthielten. Zu dieser Serie hatte ich in meiner Jugend überhaupt keinen Zugang, und so konnte ich auch diesmal nicht wiederstehen, ich mußte sie lesen.

Unsere Gespräche und unser Interessensaustauch zog sich über einige Zeit hin, zu guter Letzt aber waren wir uns einig. Eine Sammlung mußte wieder her, und zwar größer und vollständiger als beim letzten Mal. Dies war dann auch der Startschuß zu einem Neubeginn, einer einzigen, großartigen, gemeinsamen Sammlung.

Die nächsten Wochen, Monate und Jahre gipfelten in unzähligen Versuchen, "unsere" Serien zu finden und anzukaufen. Die ersten und einfachsten Aktivitäten waren Besuche und Einkäufe bei den vielen Comic- Läden, die Ernüchterung folgte auf den Fuß. Die wertlosen "Schundhefte" von einst wurden mittlerweile bewertet und berechnet. Es gab sogar schon einen Preis-Katalog, der die Preise vorgab.

Und obwohl die Preise 1983 noch günstig lagen, wir standen am Anfang - und am Anfang braucht man noch alles. Mit dem Erwerb des seit einigen Jahren erscheinenden Comic- Preis- Kataloges erfuhren wir, was uns preislich bevorstand. Und auch in diesem Metier gab es eins- Einzelhefte, die aus unerklärlichen Gründen seltener sind als der Rest, und entsprechend teuer.

Die anfängliche Euphorie war groß, das Aufsuchen und Erkunden unzähliger Flohmärkte sehr unterhaltsam. Je länger die Suche jedoch dauerte, umso zeitraubender und auch anstrengender wurde die Aufgabe, und den gewünschten Erfolg brachte sie nicht. Es gab zwar eine gewisse Ausbeute, aber auf diesem Wege war unser Ziel nicht erreichbar. Unsere Überlegungen galten den Sammlern von früher, die ihre Comics nicht wie wir verkauft hatten, sondern noch immer zu Hause unbeachtet liegen hatten. Es mußte sie geben - die damaligen Sammler und auch ihre Comics.

Der nächste Schritt war somit das Zeitungsinserat. Die Bestellung eines solchen Woche für Woche leitete eine jahrelange Beschäftigungstheraphie ein. Inserat-Angebot- Besichtigung-Ankauf-Sichtung der Erfolge. Um ehrlich zu sein, hätte ich nicht bereits innerhalb eines Monats ein unwahrscheinliches Erfolgserlebnis gehabt, ich hätte aufgegeben: Auf einen Anruf setzte ich mich sofort ins Auto und suchte die Adresse auf. Die Anruferin hatte ganze Stöße von Heften auf einem großen Tisch gestapelt. Da ich nicht mit der Menge gerechnet hatte, hatte ich auch bloß 100 DM dabei. Das würde reichen, meinte sie, sie möchte die Sachen, die ihr verstorbener Großvater zurückließ, einfach loswerden.

Das Erlebnis ließ mich jahrelang mit Inseraten fortfahren, obwohl trotz des großen Aufwandes solche Glücksfälle nicht mehr vorkamen. Und oft genug, waren "Konkurrenten" schneller, die gab es nämlich auch - Konkurrenten, die das gleiche Ziel verfolgten wie wir. Also hieß es immer schnell zu sein. Und natürlich hatte die ganze Sache auch einen Haken, den ich schon bei dem oben genannten Glückskauf kennenlernte:

Die Verkäufer wollten immer ihr ganzes Konvolut loswerden, sie waren nicht interessiert an einem Teilverkauf. So kaufte man meist eine ganze Sammlung an, in dem nur wenige Exemplare für die eigene Sammlung enthalten waren.

Man bekam sozusagen jede Menge toller Hefte mitgeliefert, die man nicht sammelte, aber auch nicht vernichten wollte. Sie waren einfach alt und schön, und sicher für manchen Sammler interessant und wertvoll. Sie waren nun einmal da, und mittlerweile stapelten sich die Comics, die ich gar nicht sammeln wollte. Schließlich mußte ich aktiv werden, um das Platzproblem zu lösen.

Die nostalgische Sammelsucht


Der Tausch und Verkauf von Heften und Serien, die ich nicht sammelte, begann, und wurde schnell zur aufwendigen Beschäftigung. Das Hobby wurde zum Alltag, das Sammeln zum Kreislauf. Der Verkauf funktionierte und erbrachte Einnahmen, die man sofort wieder in den Ankauf steckte, um seine eigene Sammlung zu erweitern.

Auf dieser Basis vergingen Jahre, mit jeder Erweiterung der Sammlung übersah man die vergangene Zeit und die Zeit verging mit diesem schönen Hobby wie im Fluge. In dieser Zeit begegnete man vielen Sammlern, lernte viele von ihnen auch persönlich näher kennen (man hatte schließlich ein tolles gemeinsames Hobby), man tauschte Erfahrungen aus und erfuhr unendlich vieles, was innerhalb unseres Comic-Universums existierte.

Und plötzlich bewegte man sich in Kreisen, in denen das Auffinden spezieller Titel oder Seriennummern kein Problem mehr darstellte. Alles war zu finden und gegen Bezahlung oder Tausch erhältlich. Man lernte aber auch Comics kennen, die einen früher nicht interessierten, die nun aus einer Laune heraus gekauft wurden und das Platzproblem nur noch vergrößerten. Und mittlerweile bewegte ich mich im gesamt-deutschen Raum, um Veranstaltungen zu besuchen, neue Kontakte zu knüpfen, Comics zu kaufen und verkaufen, und, und, und...


Meine in diese Zeit fallenden Aktivitäten werden auf der nächsten Seite ausführlicher behandelt


Die Beschäftigungstheraphie dauerte an, solange man sein Ziel verfolgte und diesem immer näherkam. War es Glück, Ausdauer, Fanatismus...oder einfach eine Sucht - vielleicht von allem etwas. Mein Schulfreund und ich hatten mittlerweile eine Sammlung aufgebaut, die alles übertraf, was wir uns vorgenommen hatten. Nicht nur die uns bekannten Serien aus der Jugendzeit, auch viele weitere, die man vorher nicht gekannt hatte. Serien die mittlerweile erschienen waren, viel Neues aus den Jahren bis zur Gegenwart. Einzelhefte, Sonderausgaben, Sekundärliteratur, Nachdrucke und was es sonst noch alles gibt. Gesuchte seltenste Exemplare, die wir auch angekauft hatten und nicht billig waren...wir hatten sie nun und waren fast am Ziel. Es fehlten aus einer unserer Jugendserien nur noch 17 Hefte.

Und das Unglaubliche geschah. Während einem Sammlermarkt sprach mich ein Herr an, er hätte in den 50er Jahren selbst gesammelt und wollte nun alles verkaufen. Das Gespräch endete damit, daß ich seine Sammlung aufkaufte und den Kofferraum meines Autos damit bis zum Bersten füllte. Die Serie, aus der uns noch 17 Hefte fehlten, war auch dabei, und sogar komplett.

Das Umdenken


Seit unserem neuerlichen Sammelbeginn waren mittlerweile sechzehn Jahre vergangen. Sechzehn Jahre, in denen man sich mehr und mehr in ein Hobby verstrickt hatte, das einen immer mehr in Anspruch nahm. Ein Hobby, für das man viel geopfert hatte. Viel Zeit, viel Energie und viel Geld. Vor allem das Letztere. Das Sammeln war irgendwann zur Manie geworden, die alles Andere beiseite geschoben hatte.

Nun, da die Suche beinahe zu Ende war, konnte man eigentlich eine Verschnaufpause einlegen, ein Resümee der vergangenen Jahre ziehen. Ich mußte mir eingestehen, daß mich das jahrelange Sammeln in eine Parallell-Welt versetzt hatte. Durch den zeitraubenden Einsatz hatte ich den Kontakt zu meinem früheren Leben weitgehend verloren. An dessen Stelle hatte ich natürlich viele Gleichgesinnte kennengelernt. Leidgenossen, die dem gleichen Ziel nachjagten, der Bürde der Nostalgie, dem Wunsch, die Objekte der Jugendzeit zurückzuholen. Sammler, die alles dafür opferten, deren Erfüllung einzig darin bestand, selbst den letzten Pfennig für ihr Hobby einzusetzen. Mich begann die Frage nach dem Sinn des Ganzen zu beschäftigen.

In diese Überlegungsphase traten berufliche Veränderungen, die mich dazu zwangen, sich wieder verstärkt mit der realen Welt auseinanderzusetzen. Und so trafen wir uns wieder, mein Sammelfreund und ich, um über unsere Sammlung zu sprechen. Wir mußten uns beide eingestehen, daß wir den Zweck des Comic-Sammelns, nämlich zu lesen, aus den Augen verloren hatten. Wir haben gesammelt, um des Sammeln willens, und die Hefte ungelesen sortiert und gestapelt. Die Macht der Nostalgie hatte uns verzaubert und in ihrem Bann gehalten...bis zu diesem Gespräch. So saßen wir beisammen wie in einer (Sprech-)blase, die sich immer mehr aufblähte, um plötzlich zu zerplatzen... der Zauber war für mich vorbei.

Die fehlenden 17 Hefte fanden den Weg in unsere Sammlung nicht mehr. Wir hatten beschlossen, die Sammlung aufzulösen und zu verkaufen. Nun, vieles davon ist bereits in andere Hände gelangt, einiges wartet noch auf Abnehmer, und einige Erinnerungsstücke werden wir uns sicher aufheben. Unser großes Hobby blieb eine schöne Erinnerung.

Die Befreiung von dem nostalgischen Zwang hat eines gebracht, viel Zeit, um sich wieder um andere, wichtigere Dinge zu kümmern. Die Sammlerfreunde sind einem geblieben, die Suche und der Anschluß an verlorene Zeiten waren nicht ganz umsonst. Trotzdem-man muß sich um die Zukunft kümmern. Es gibt viel Neues zu tun und der Weg ist weit...

Im Andenken an Norbert Hethke † 2007


Am 13. April 2007 verstarb Norbert Hetke, bekannt als Verleger zahlloser Nachdrucke, in erster Linie aus den 50er Jahren. Als Gründer und Inhaber des Norbert Hethke Verlags war sein Name zum Begriff geworden. 30 Jahre lang produzierte und verlegte er die seltenen Comic-Serien, die jeder gerne lesen wollte, der sie noch aus seiner Jugendzeit kannte. Einer davon war ich.

In meiner Jugendzeit gab es keine Möglichkeit, alle Comics des Lehning Verlages zu kaufen, geschweige denn angeboten zu bekommen. Norbert Hethke war es, der diese Jugendträume Jahre später wieder weckte und mir- sowie vielen anderen Gleichgesinnten- die größte Freude mit seinen Nachdrucken bereitete.

Als einer, der mit Norbert Geschäftsbeziehungen unterhielt und ihn persönlich kannte, bleiben posthum die Worte offen:

Vielen Dank, Norbert!


Den immensen Schaffensumfang des Norbert Hethke Verlages mag diese Grafik veranschaulichen, 30 Jahre Hethke-Comics


Hethke


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